Glasindustrie 2045 CO2 neutral?

Wie kann die energieintensive und in bislang in hohem Maße von Erdgas abhängige Glasindustrie bis 2045 CO2-neutral werden? Dieser Frage geht der Bundesverband Glasindustrie e.V. (BV Glas) gemeinsam mit dem Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) der Universität Stuttgart nach: Zur glasstec 2026 wird die Studie „Glass 2045 – Roadmap for the Decarbonization of the German Glass Industry“ vorliegen. In einem Interview mit Prof. Dr. Peter Radgen, Leiter des Lehrstuhls für Energieeffizienz am IER, erfuhr die Messe schon einige der Erkenntnisse vorab

glasstec – Herr Prof. Dr. Radgen, wir freuen uns, dass Sie uns vorab einen Einblick in die Studie „Glass 2045“ geben können, die vom BV Glas und dem IER auch im Oktober auf der glasstec 2026 vorgestellt wird. Welche sind die wichtigsten Erkenntnisse im Vergleich zur Studie von 2022?

Prof. Dr. Peter Radgen – Erfreulich vorab: Die weitgehende Dekarbonisierung der deutschen Glasindustrie bis 2045 ist technisch möglich. Aufgrund unterschiedlicher Anforderungen auf Seiten der Flachglas-, Hohlglas- und Spezialglasindustrie gibt es aber keinen einheitlichen Transformationspfad, sondern einen Mix aus Elektrifizierung, grünem Wasserstoff, hybriden Lösungen, Zirkularität sowie ergänzendem Carbon Management.

glasstec – Was wird entscheidend für das Gelingen der Transformation sein?

Prof. Dr. Peter Radgen – Die Glasbranche muss die Transformation derzeit unter sehr erschwerten Bedingungen anschieben. Entscheidend für den Erfolg wären international wettbewerbsfähige Energiepreise, der beschleunigte Ausbau der Regenerativen Energien und Stromnetze und einer Wasserstoff-Infrastruktur sowie evidenzbasierte und langfristig verlässliche politische Rahmenbedingungen.

glasstec – Gibt es regionale Unterschiede in der Transformation?

Prof. Dr. Peter Radgen – Generell erschweren Unsicherheiten bei allen die Planung. Es gibt aber auch individuelle, regional bedingte Knackpunkte, die die Transformation erschweren. Die Erfolgswahrscheinlichkeit hängt zum Beispiel an der regionalen Verfügbarkeit von regenerativem Strom-, Netzen, Stromspeichern und einer Wasserstoffinfrastruktur. Wer seine Glasschmelze nicht in der Nähe des voraussichtlichen Wasserstoffkernnetz betreibt, hat höhere Hürden für den erfolgreichen Einsatz dieses Transformationspfades. Ob er den Wasserstoff dann über Transporte beschafft oder einen Energieträgerwechsel bevorzugt, hängt letztlich auch an den Kosten.

glasstec – Also werden viele eher auf Strom als auf Wasserstoff setzen?

Prof. Dr. Peter Radgen – Wasserstoff einzusetzen wäre grundsätzlich viel einfacher, weil man damit an der bisherigen Wannentechnologie festhalten könnte. Darum ist hier bereits eine rege Diskussion entstanden und alle warten auf das künftige Wasserstoffkernnetz. Am Ende entscheiden aber auch die Kosten und Wasserstoff ist noch nicht wirtschaftlich – er ist aktuell fünfmal teurer als Erdgas – darum geht es da noch nicht voran. Und: Der Strompreis ist klarer kalkulierbar. Die Branche nimmt darum vor allem die Elektrifizierung gut an und versucht mit den Strompreisen flexibel zu arbeiten, indem sie in der Schmelze das Elektro-Boosting mal mehr, mal weniger einsetzt. Die Elektrifizierung ist außerdem ein guter Treiber für die Entwicklung neuer Wannenkonzepte in der Forschung und Entwicklung.

glasstec – Sind hybride Schmelzkonzepte nur eine Übergangslösung oder bleiben diese ein fester Bestandteil der Glasproduktion?

Prof. Dr. Peter Radgen – Ich vermute, sie sind eine bleibende Übergangslösung. Hybride Konzepte funktionieren gut, um Unsicherheiten abzufedern und flexibel zu agieren – auch mit Wasserstoff statt Erdgas. Das heißt aber auch, es wird standortabhängig, was machbar ist. Wer keinen Wasserstoff bekommt, ob durch einen Anschluss oder über wirtschaftlich tragbare Transporte, wird Lösungen finden müssen, um rein elektrisch zu fahren.

glasstec – Wie hat sich die allgemeine Lage verändert?

Prof. Dr. Peter Radgen – In der letzten Studie haben wir eine stagnierende bis leicht steigende Glasproduktion erwartet. Heute beobachten wir leider eher einen leichten Rückgang der Produktion, weil einige Hersteller die Kaltreparaturen ihrer Schmelzen möglicherweise aufschieben, solange Unklarheiten über den besten Transformationspfad bestehen. Das ist ein brisantes Thema, da eine verpasste Kaltreparatur zum Technologiewechsel einen Lock-in für weitere zehn bis zwanzig Jahre bedeuten kann – oder dass einige Wannen dann wohl stillgelegt werden könnten. Schwierig wird es, wenn Standorte nur eine Wanne haben. Verschwindet diese, hat das Auswirkungen auf den Fortbestand der kompletten Infrastruktur.

glasstec – Wie sieht’s beim „Carbon Management“ aus? Hat sich da etwas getan?

Prof. Dr. Peter Radgen – Die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) und auch die Nutzung (CCU) werden heute deutlich offener betrachtet als vor vier Jahren. Damals gab es zum Beispiel noch keine gesetzliche Grundlage für den Transport und die Speicherung von CO2 in Deutschland. Seit November 2025 ist dies jetzt grundsätzlich möglich, entsprechend haben wir uns diese Option für die Prozess- und Restemissionen diesmal mit angeschaut. Das sind die Treibhausgasemissionen, die auch nach konsequenter Umsetzung aller technisch und wirtschaftlich sinnvollen Minderungsmaßnahmen verbleiben, wie das CO₂ aus der Entsäuerung karbonathaltiger Rohstoffe. Die Emissionen aus Spezialchemikalien, aus den unvermeidbaren Transporten oder auch aus der Herstellung der Feuerfestmaterialien für Öfen gehören zum Scope 3. Diese haben wir in unserer Studie nicht mitbetrachtet. Wenn man auch diese vermeiden und Netto-Null über alle Scopes erreichen will, bedarf es zum Ausgleich zusätzlich der dauerhaften CO₂-Entnahme (Carbon Dioxide Removal, CDR).

glasstec – Welche Rolle könnte die CO2-Nutzung künftig spielen?

Prof. Dr. Peter Radgen – Generell ist die Nutzung sehr sinnvoll, wenn entnommenes CO2 in langlebige Produkte eingebaut wird. Als Alternative kommen noch andere chemische Produkte wie zum Beispiel „Sustainable Aviation Fuels“ in Frage, um den Luftverkehr zu dekarbonisieren. Oder die direkte Nutzung in Gewächshäusern, wie sie in den Niederlanden sehr beliebt ist. Leider braucht es das CO2 dafür aber nur in den Frühlings- und Sommermonaten, in der Wachstumsphase der Pflanzen. Die Menge an emittiertem CO2 ist insgesamt aber viel zu groß und es gibt noch zu wenig Möglichkeiten, um es zu nutzen.

glasstec – Welche Infrastrukturmaßnahmen müssten in den nächsten fünf bis zehn Jahren von der Politik unterstützt und prioritär umgesetzt werden?

Prof. Dr. Peter Radgen – Der Ausbau der regenerativen Energien, des Stromnetzes und der Netzanschlüsse von Unternehmen. Wenn die Pflicht der Erdverkabelung wegfällt, geht es vielleicht schneller. Letztlich hängt die Transformationsgeschwindigkeit ja an der Infrastruktur – Glas produzierende Unternehmen können nicht beeinflussen, ob es mit dem Wasserstoff oder dem Netzanschluss klappt. Und es lässt sich schwer planen, wenn zum Beispiel die Strompreiskompensation nur auf drei Jahre begrenzt bleibt. Die Unternehmen brauchen langfristige Planbarkeit