Deutschland steht vor einer historischen Modernisierung seiner Schieneninfrastruktur. Damit die milliardenschweren Investitionen schnell Wirkung entfalten, wollen die Deutsche Bahn, der Deutsche Stahlbau-Verband und bauforumstahl ihre Zusammenarbeit deutlich intensivieren. Beim gemeinsamen Branchendialog in Berlin verständigten sich beide Seiten darauf, Planungs-, Vergabe-, Regelwerks- und Bauprozesse künftig noch enger aufeinander abzustimmen. Gemeinsames Ziel ist es, die vorhandene industrielle Kompetenz und Kapazität mit effizienten Prozessen zu verbinden und so die Modernisierung der Schieneninfrastruktur gemeinsam zu beschleunigen und effizienter zu gestalten.
Infrastruktur gelingt nur gemeinsam
Im Mittelpunkt des Branchendialogs standen die Herausforderungen und Chancen der kommenden Jahre. Diskutiert wurden unter anderem die langfristige Projektplanung, die Verfügbarkeit von Stahl und Fertigungskapazitäten, moderne Vergabemodelle, technische Regelwerke sowie der Einsatz CO₂-reduzierter Stahlprodukte. Beide Seiten waren sich einig, dass die Modernisierung der Infrastruktur nur dann gelingen kann, wenn Auftraggeber und Industrie frühzeitig zusammenarbeiten und ihre jeweiligen Kompetenzen einbringen. Die Partner sehen darin große Chancen, die industrielle Wertschöpfung, technologische Kompetenz und Innovationskraft in Deutschland und Europa gezielt für die Modernisierung der Infrastruktur zu nutzen. Der Austausch soll deshalb kein einmaliges Treffen bleiben, sondern den Auftakt für einen kontinuierlichen Dialog bilden.
Leistungsfähige Kapazitäten für die Infrastruktur von morgen
Die deutsche Stahlbauindustrie verfügt bereits heute über erhebliche Fertigungs- und Montagekapazitäten für die Modernisierung der Infrastruktur. Zertifizierte Unternehmen in Deutschland können jährlich z.B. zwischen 226.000 und 399.500 Tonnen Stahlbau für Verkehrsbrücken herstellen. Das entspricht dem 2,2- bis 4-fachen der tatsächlich im Jahr 2024 verbauten Stahlmenge von 100.524 Tonnen. Gemeinsam mit europäischen Partnerunternehmen steigt dieses Potenzial sogar auf das 3,5- bis 6,9-Fache.
Die Zahlen zeigen, dass die deutsche Stahlbauindustrie ausreichende Kapazitäten hat, um die anstehenden Infrastrukturprojekte zuverlässig zu begleiten. Entscheidend sind nun verlässliche Projektpipelines, moderne Vergabeverfahren und eine frühzeitige Einbindung der Industrie. Ein weiterer Schwerpunkt des Branchendialogs war daher die Frage, wie Planungs- und Bauprozesse künftig partnerschaftlicher und effizient organisiert werden können. Diskutiert wurden innovative Vergabemodelle, funktionale Ausschreibungen, eine frühzeitige Einbindung der ausführenden Unternehmen sowie die Weiterentwicklung technischer Regelwerke. Ziel ist es, Doppelprüfungen zu reduzieren, Planungsprozesse zu vereinfachen und Infrastrukturprojekte schneller umzusetzen. Beide Seiten sehen darin einen wichtigen Ansatz, um die anstehenden Investitionen in die Schieneninfrastruktur effizient, wirtschaftlich und planbar umzusetzen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die partnerschaftliche Weiterentwicklung technischer Regelwerke. Ziel ist es, die Expertise von Auftraggeber, Industrie und Wissenschaft frühzeitig zusammenzuführen und Regelwerke praxisnah sowie transparent fortzuentwickeln.
Gregor Machura, Hauptgeschäftsführer bauforumstahl e.V und Deutscher Stahlbau-Verband e.V.; Rabea Voss, Deutsche Bahn, Leiterin Strategy Office Hoch- und konstruktiver Ingenieurbau v.l. Fotos: BFS
Transformation gemeinsam gestalten
Auch die Transformation der Stahlindustrie war Teil des Branchendialogs. Bereits heute werden rund 30 % des Baustahls über die Elektrostahlroute, also durch die Herstellung aus recyceltem Stahlschrott mit deutlich geringerem CO₂-Ausstoß, produziert. Bis 2045 soll die Stahlproduktion in Deutschland ihre CO₂-Emissionen um mehr als 95 % reduzieren. Mit Instrumenten wie dem europäischen LESS-Standard, der CO₂-arme Stahlprodukte nach einheitlichen und transparenten Kriterien klassifiziert und damit eine lieferantenneutrale Berücksichtigung in öffentlichen Ausschreibungen ermöglicht, stehen bereits heute belastbare Grundlagen zur Verfügung. So können Infrastrukturmodernisierung und die Transformation der Stahlindustrie Hand in Hand vorangetrieben werden.


